Halberdachtes von HENMAN – Tagesform

Tagesform: An manchen Tagen ist man nur eine Blutdrucktablette von einer mehrjährigen Haftstrafe entfernt.Ist man mental ganz dehydriert. Ein richtiger Picasso obenrum. Alles da, aber scheinbar am falschen Platz. Zusammenhänge kann man nur noch auf dem Niveau eines Grundschülers erfassen. Aus der Hundeschule. An manchen Tagen möchte man der ganzen Welt die Ohren feigen.

An manchen Tagen scheint es, als ob sie alle Blödmannsgehilfenanwärter zu dir schicken. Tinnitus in den Augen. Man sieht nur Pfeifen. Wenn mit kleinen, feinen Scheren an deinem Nervenkostüm herumgeschneidert wird. Von Menschen, die lieber Klett verwenden würden, da Knöpfe zu kompliziert sind. Wenn eine Welle, eine Kakophonie, an Schwachsinnigkeiten über dich hinwegbrandet. Und ein paar dooffeuchte Stellen zurücklässt. An manchen Tagen hat das Leben dich im Würgegriff.

An manchen Tagen geht alles schief. Kaffee lauwarm, Brötchen hart, Butter, mit der man einem Eisbären die Krallen maniküren könnte. Die letzte saubere Unterhose wird nur noch von ihren Löchern zusammengehalten. Zack, den großen Zeh an der Badezimmertür gestoßen. Verdammte Axt! Schlüssel abgebrochen, Bus verpasst. Um eine Minute. Hast ihn noch wegfahren sehen. Da kann man, trotz verwirrt, ängstlicher Blicke der anderen, schon mal laut schreien. An manchen Tagen hätte man gar nicht erst aufstehen sollen.

An manchen Tagen hat man nur schlechte Laune. Dunkelbraune, bald schwarze Gedanken. Gedanken von Hass und Vergänglichkeit und Weltschmerz. Wenn man überlegt, ob nicht allen geholfen wäre, wenn man die wegversperrende Rollatoroma mit freundlicher Geste vor den vorbeifahrenden Krankenwagen schubst. Könnten die sie gleich mitnehmen. Dem Lauf der Dinge mal unter die Arme gegriffen. Die Wut nagt an der Zurechnungsfähigkeit. An manchen Tagen ist man eine Gefahr für sich und andere.

An manchen Tagen fühlt es sich an, als ob man ein quengelndes Kleinkind auf seinen Schultern tragen müsste, das einem auf dem Kopf herumtrommelt. An manchen Tagen stimmt das sogar. Wenn man den Schädel nur noch auf die Tastatur knallen will. GJgka67ZUt XvItlpö 4. Wenn man sich fühlt, als hätte man gestern Abend mit dem Rauchen aufgehört. Fahrig, nervös, reizbar und schleimig abhustend. An manchen Tagen ist der Hustenschleim das Schönste, was man sieht.

An manchen Tagen ist die Welt so unendlich groß. Und die Horizonte so unsagbar klein. Umgeben von Doofheit. Das Herz gebrochen. Der Geisteszustand bestenfalls Flickwerk. Sogar angezogen sieht man wie in Fleisch gegossener Fußpilz aus. Nackt droht das Kriegsverbrechertribunal. Der Blick glasig und die Stimme zerkratzt. An manchen Tagen kann und will und sollte man sich gar nicht erst bewegen.

An den meisten Tagen merke ich von alledem jedoch nichts. An den meisten Tagen zünde ich schon vor dem ersten Kaffee ein Tischfeuerwerk an. Konfetti in der Konfitüre. An den meisten Tagen muß ich lachen, wenn ich das erste Mal mein Spiegelbild sehe. Frisuren ohne Schwerkraft. An den meisten Tagen schaue ich meinen wahnwitzigen Gedanken auf den Hintern, weil sie mir einen Schritt voraus sind. Überraschend zünden sie Gelächter in der Rübe. An den meisten Tagen staune ich über die Schönheit und Eleganz, die sich in den kleinsten Details der Welt verbirgt. An den meisten Tagen bringt mich die klare, kühle Morgenluft mit ihrer hellblauen Kraft zum Schmunzeln. An den meisten Tagen muß ich nicht mit Blödmannsgehilfen reden. Oder drücke mich davor. An den meisten Tagen entfährt meinen Fingerspitzen ein spitzer Reim. Der Hund scheißt auf den Bürgersteig, worauf ich ihm den Vogel zeig´. Der Vogel zeigt dem Hund darauf, mittelfingern Grenzen auf. An den meisten Tagen habe ich gute Laune.

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