Halberdachtes von HENMAN – Beschiss

Ich fühle mich hintergangen. Beschissen und verarscht. Verhohnepiepelt. Bin reingefallen auf die Lügen und die Propaganda. Leichtgläubig in ihre Falle gestolpert. Großartiges hatte man mir versprochen. Nichts weniger als den Wiedergewinn von schon verloren geglaubter Freiheit. Wundersame Kräfte jenseits meiner Vorstellungskraft. Ungeahnte Reichtümer. Soviel Fröhlichkeit, daß mir bald der Arsch platzt, sollte sich einnisten. Doch nichts. Gar nichts. Seit fast 60 Tagen rauche ich nicht mehr und eigentlich hat sich nichts verändert.

Im Grunde genommen war der Entschluß sich nicht mehr an den Nikotinstengeln zu laben rasch gefasst. Seit ich nämlich im letzten Frühjahr umgezogen war, rauchte ich nur noch auf dem Balkon. Damit die ganzen hübschen neuen Möbel nicht so müffeln und weil ich gesehen hatte, was jahrelanger Indoor-Rauchgenuß den Tapeten antat. Die Faustregel lautet hierbei: Wenn ein Umzugshelfer, der vorher noch nie in deiner Wohnung war, auf Anhieb erraten, kann, wo der Kleiderschrank stand, obwohl der schon auf dem Sperrmüll schlummert, hast du eindeutig zuviel gequartzt.

Daher also das Rauchexil auf Balkonien. Ist jetzt auch kein größerer Akt. Etwa einmal pro Stunde wackelst du raus, ziehst geschmeidig eine Kippe weg, während du den Vögelein beim unbeschwerten Spiel zuschaust und gehst dann wieder rein. Kein Ding. Zumindest im Sommer. Oder Herbst. Aber irgendwann ist auch mal Winter. Ein Umstand, den ich im übrigen schon seit Jahren zu bekämpfen suche. Winter ist nämlich kalt. Arschkalt manchmal sogar. Und dann macht draußen rauchen zwar immer noch Sinn, aber viel, viel weniger Spaß.

Es ist kaum entspannend, wenn du dir morgens um halb fünf zitternd die erste Fluppe ansteckst. Eingewickelt in einen Pullover und zwei Jacken. Trotzdem noch von einem Bein auf das andere hüpfend, wie ein Medizinmann der pinkeln muß, während er gerade einen Regentanz aufführt. Du spürst die blauen Lippen kaum, zwischen die du die Zigarette steckst, denkst aber, das es ohne nun auch wieder nicht gehen könnte. Zumindest denkst du das eine ganze Weile. Bis du die Situation mal von außen betrachtest und bemerkst, wie scheißendämlich du elender Suchtversager eigentlich bist.

„Kack drauf“, sagst du also, „die ersten sechzehn Jahre meines Lebens habe ich auch nicht geraucht, da kann ich jetzt nach den nächsten siebzehn auch wieder aufhören“. Als zusätzlichen Ansporn erzählen dir ehemalige Raucher, wie toll das Leben ohne Kippen ist. Wie sie alles viel besser schmecken und riechen können. Auch die Literatur und das Internet beschreiben diese Sinnesschärfung immer wieder. Man gelangt also zum Eindruck, als Nichtraucher könne man durch das Lecken an der Schale einer Banane den Mädchennamen der Großmutter des Bananenbauern in Chile erschmecken. Hört sich erst mal fast erstrebenswert an.

Ebenso soll die Lunge wundersam an Kapazität gewinnen. Atmen wie ein junger Gott wird dir versprochen. Und damit einhergehend unfassbare Ausdauer und Stärke. Iron Man ick hör dir trapsen. Nichtrauchen als Atemwegsviagra. Deine Lungenflügel mit Dauerständer. Und du kannst deine verbesserte O2-Sättigung sogar groß ausführen, schließlich sparst du ja von nun an einen Riesenbatzen Knete. Wäre schon verwunderlich, wenn du nicht innerhalb kürzester Zeit Multimilliardär wärst. Erzählen dir die ehemaligen Raucher und das Internet.

Schöne neue Welt. Und nach gut zwei Monaten kann ich voller Stolz sagen: Das ist der größte Scheiß! Nichts ist mit den versprochenen Supersinnen. Triathletenlungen am Arsch. Und die Kohle wird halt für anderweitigen Schnickschnack verballert. Es ist alles genau wie vorher. Nur, das ich nicht mehr zitternd auf dem Balkon stehe. Aber das hat wohl eher damit zu tun, das der Winter so gut wie rum ist. Eine der herbsten Enttäuschung meines Lebens wäre das, eine Desillusionierung allererster Güte, wenn es nicht wenigstens einen marginalen Lichtblick gäbe. Eine klitzekleine Veränderung zum Besseren. Oben an meinem rechten Zeigefinger war nämlich immer so eine eitrig gelbbraune Hautverfärbung, da ich als ausgewachsener Mann kaum mit einer Zigarettenspitze durch die Nacht tingeln konnte. Nun sieht die Hautstelle wieder aus wie frisch vom Gerber. Und so ist wenigstens ein Minimalziel erreicht. Trotz all der Verarsche!

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