Die falsche Frau

„Freitag ist Tuntentag“, erklärt Oliver H. und deutet auf seinen Kofferraum. Darin stapeln sich Plastiktüten mit Damenkleidung, Perücken und Schuhkartons verschiedener Hersteller. Von Slingbacks über Wedges bis zu Overknee-Stiefeln ist alles dabei, was hohe Absätze hat. „Bei der Auswahl berät mich meine Frau. Am liebsten würde sie die Teile selbst anziehen, aber die Größen beginnen erst bei 42.“ H. grinst und schließt die Klappe, bevor er sich ans Steuer setzt. Auf der Rückbank steht ein großer Visagistenkoffer in dem H. Lippenstifte, Eyeliner und falsche Wimpern transportiert.

Ein Mindestmaß an Diskretion

H. arbeitet als „Sexual Identity Chefkontrolleur“ (SICK) für das Bundesamt für Fluchtursachen (BafF). Seine Aufgabe ist es, die Angaben Geflüchteter, die sich in ihrer Heimat wegen ihrer sexuellen Orientierung bedroht fühlen, zu überprüfen. „Die meisten kommen aus den sogenannten Maghreb-Staaten“, erklärt H. Dabei habe sich die Situation dort deutlich verbessert. „Steinigungen sind selten geworden. Mittlerweile ziehen homosexuelle Handlungen in der Öffentlichkeit nur noch Gefängnis- oder Geldstrafen nach sich.“

Sowieso sei es selten, dass der Staat eingreifen müsse, meist würden die Entgleisungen innerhalb der Familie sanktioniert. „Gerade junge Männer sind oft verwirrt und ihre sexuelle Orientierung noch nicht gefestigt. Da kann ein ernstes Wort mit dem Vater absolut hilfreich sein“, lacht H., der selbst einen 16 jährigen Sohn hat. „Falls der sich unerwartet in die Richtung entwickeln sollte, würde ich mich auch mal einen Abend mit ihm hinsetzen.“ Gegen Schwule habe H. nichts und könne sich auch vorstellen, einen homosexuellen Sohn zu akzeptieren. „Solange er es nicht so sehr raushängen lässt.“

Öffentliche Zuneigungsbekundungen sind laut H. auch das Problem Homosexueller aus den betroffenen Ländern. „Häufig werden sie von ihren Familien verstoßen und hocken dann heulend vor unserem Schreibtisch.“ Dabei reiche bereits ein Mindestmaß an Diskretion aus, um so etwas zu verhindern: „Man muss doch nicht zwanghaft rumknutschen, Händchenhalten oder sich in den Netzwerken für alle sichtbare Liebesbotschaften an die Pinnwand posten.“ H. schüttelt den Kopf und parkt sein Auto vor der Flüchtlingsunterkunft einer deutschen Kleinstadt. Dass er unter der Woche unterwegs ist, mache ihm manchmal zu schaffen. Häufig vermisse er seine Familie. „Gleichzeitig gibt mir die Gewissheit, dass sie mich immer unterstützen, auch viel Kraft“, sagt H., der plötzlich nachdenklich klingt. Gegen akutes Heimweh klemmt ein Foto seiner Frau hinter der Sonnenblende und jeden Abend telefoniert er mit ihr und den Kindern. Während der Arbeit selbst ist H. jedoch absolut konzentriert.

Die Wahrheit auf dem Laufsteg

Als er die Unterkunft betritt, wird er vom dortigen Sicherheitspersonal begrüßt. Jeder kennt den großen Mann mit den vielen Tüten und Kisten. In einem kleinen Nebenraum baut er die mitgebrachten Sachen auf, dann lässt er die laut eigenen Aussagen transidentiären Männer aufrufen. Eine halbe Stunde lang hat jeder Zeit sich zurechtzumachen. „Bei den Schwulen geht es meist schneller, die bekommen Fotos, Videos und dann erstellen wir ein Elektroenzephalogramm “, erklärt H. Als er mit seiner Arbeit anfing, seien er und Mitglieder des Sicherheitspersonals anwesend gewesen, um zu überprüfen, dass die Männer keine Tricks versuchten, mittlerweile wurde diese Praxis aber verboten. „Artikel 1, die Würde des Menschen und so weiter.“ H. rollt mit den Augen, ist aber hochkonzentriert, als der erste Flüchtling den Raum betritt.

In der Mitte ist eine Art Laufsteg aufgebaut, auf dem der junge Mann aus Algerien in hochhackigen Schuhen auf und ab laufen muss. Im Hintergrund ertönt „Vogue“. „Madonna, Abba oder Lady Gaga habe ich immer dabei, das mögen die alle“, erklärt H. und trägt Notizen in eine vorgefertigte Tabelle ein. Wie geschickt laufen die Männer in High Heels, wie sind sie geschminkt, wie präsentieren sie sich in den knappen Kleidern? Alles Kriterien, die beweisen sollen, wie aufrichtig sie bezüglich ihrer sexuellen Identität waren.

Nachdem der Algerier den von H. scherzhaft als „Catwalk“ bezeichneten Gang absolviert hat, folgt die Bewertung. Pluspunkte gibt es für die Sicherheit, mit der der junge Mann sich auf Highheels bewegt und das aufwändige Augen-Make-up, aber H. findet auch einige Kritikpunkte: „Der Lippenstift ist nicht sauber aufgetragen und am Perückenansatz sieht man seine richtigen Haare. Vor allem aber hat er das Tucking vergessen.“ Empört deutet H. auf die Beule, die sich deutlich unter dem goldfarbenem Stretchkleid abzeichnet. „Einem geübten Crossdresser würde das nicht passieren.“ H. stellt die Tabelle fertig und gleicht noch einmal die Stammdaten des bewerteten Mannes ab, bevor er sie zu seinen Unterlagen heftet. „Der hier wird sich etwas anderes ausdenken müssen, um seinen Antrag durchzubekommen.“ H. zwinkert und steigt in sein Auto. Endlich Wochenende.

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