Com'(ic c)on – Der Comic Con Lagebericht 2016

Die Comic Con, ein in Amerika seit längerem erfolgreicher Tummelplatz für die Kinder in uns, der jährlich im Juli in San Diego besucht werden kann, hat nach Deutschland gefunden. Die erste deutsche Version gab es im Dezember 2015 in den Dortmunder Westfalenhallen. Und nun gab es sie auch endlich in Berlin, am vergangenen Wochenende vom 15–16. Oktober. Als ich davon erfuhr, bestellte ich sofort ein Ticket: Es ist nun einmal die Comic Convention.

Ich stellte mir verspielte Elben- und Hobbitkinder vor, die in den grün verwaldeten Gängen umher rannten, gefolgt von einer glitzernden Spur aus Träumen, zum verlieben schöne Ghost-in-the-Shell-Interpretationen, Deadpool-Doppelgänger mit akrobatischem Talent, Trekies und StarWars-Fans, die sich Hand in Hand mit romulanischem Ale besaufen und per Gedankenkraft versuchen, andere zum Tanzen zu bringen und natürlich Einhörnern. Eine Menge Einhörner. Vielleicht die aus dem Film ‚Legend‘. Das aus ‚The last Unicorn‘ hätte es zur Not auch getan.

Comic Con Germany Rederei FM

Am Samstag angekommen schaue ich auf den Betonklotz der Messehalle und bin irritiert. Wo sind die farbenfrohen Gestalten? Ich beruhige mich mit dem Gedanken, dass es im Oktober einfach schon zu kalt ist, um sich viel am der frischen Luft aufzuhalten.
Niemand möchte gefrorenes Make-up sehen, wirklich niemand.
In der Eingangshalle kommen mir dann schon die ersten kolorierten Figuren entgegen. Es sind Fans, die eher kein geschicktes Händchen für die fingerfertige Übersetzung ihrer favorisierten Figuren aus der Comic-Welt haben. Und es sind erschreckend viele On/Offreundinnen vom Joker zu sehen. Leider sind die meisten dem Original kaum getreu. Nicht, dass ich nicht damit gerechnet hätte, auf einige Anhängerinnen – und auch Anhänger, wie sich im Laufe des Besuchs heraus stellte – zu treffen, da dieser Charakter vor allem in der Mädchenwelt allseits beliebt ist, aber ich warte derzeit auf den nächtlichen Albtraum, in dem sie alle mit einem Baseballschläger auf mich zu gerannt kommen, weil ich ihren Freund eine Sekunde zu lange angesehen habe.

Ticket gezückt, Stempel kassiert, rein in die Wärme. Dann ein Lichtblick: Ich kann Bobba Fett erkennen und Teile vom X-Men-Team. Ein Starlord ist unterwegs und zwei Militärleute unterhalten sich mit einem wirklich klasse kostümierten Alien. Ich bekomme einen Wintersoldier vor die Linse und freue mich, weil das Kostüm super ist und ich ein bisschen in die Comiccharakter verknallt bin. Ich sehe anschließend noch zwei weitere Wintersoldier, beide Kostüme sind großartig und alle drei Träger sind Frauen. Später sehe ich auch die weibliche Interpretationen der Figur, was ich in Zeiten der Genderdebatten richtig gut finde. Peggy und Al stöbern in den DVD’s und Kylo Ren posiert mit Lichtschwert vor einer der vielen Kameras, die ich heute noch häufig sehen werde. Einige sind dabei, die Polaroids an die Cosplayer verkaufen, was ich ein wenig unverschämt finde. Ich kann drei Mädchen beobachten und wie ihnen klar wird, dass dieses Foto nicht das Bild sein wird, welches in der Zeitschrift XY erscheint und ihnen zu Ruhm verhilft.

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Die erste Halle, in die ich eintauche, aber nicht abtauche, ist voll und grau. Die Trennwände jedenfalls sind es. Eine Convention dieser Art habe ich mir anders vorgestellt. Farbenreicher und persönlicher. Aber das hier wirkt wie ein liebloser Ausverkauf. Überall stehen Menschen an. Die Schlangen sind so lang, dass ich gar keine Lust habe, sie zu verfolgen um heraus zu finden, wohin sie führen.
In dieser Halle kann man für einen Aufpreis Darsteller sehen und ihnen in einem mit lichtgrauen Trennwänden umstellten Bereich beim Ausführen nächster Projekte zuhören. Für 249 € kann man sich darin einen Platz reservieren und anschließend ein Gruppenfoto schießen lassen.

In der gleichen Halle gibt es auch unverschleiert mehr oder weniger bekannte Künstler aus Film und Fernseher bestaunen, die ihre Autogramme für 20 € verkaufen. Wenn man möchte, kann man sich auch mit dem Idol fotografieren lassen. Das kostet dann 20 € extra. Die Wand, an der sie platziert wurden ist beinahe so lang wie die Halle selbst und neben jedem der Darsteller sitzt ein Betreuer aus der Crew. Viele junge Mädchen sind dabei. Offenbar rechnet niemand damit, dass ein verwirrter Mensch Darth Maul den Schädel spalten möchte, weil er Qui-Gon Jinn umgebracht hat. Ohne die Information über ihren Köpfen, wen oder was sie dargestellt haben, hätte ich viele von ihnen gar nicht erkannt und dennoch habe ich aus irgendeinem Grund Mitleid mit den Schauspielern, in deren Schlange niemand steht. Sie sehen gelangweilt aus. Die längste Schlange bewegt sich aufgeregt von einem Bein auf das andere vor dem Kultfilm-Helden Doc Brown aus ‚Back to the Future‘. Ich kann weder Christopher Lloyd sehen, noch die Schlange durchbrechen, um zu erfahren, was dahinter liegt. Am Ende gebe ich es auf und gehe eine rauchen.

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Draußen steht eine weitere Harley Quinn und redet laut. Irgendjemand raucht Pot. Ich verstehe ein bisschen warum. Etwas weiter steht eine Ursula aus dem Disneyklassiker ‚Arielle‘. Ich bin begeistert. Nicht, weil das Kostüm toll ist und es Respekt verdient hat, sondern, weil sich hier jemand vom Ansturm der Marvelkostümierten abhebt. Innerlich verneige ich mich und lächle anerkennend, bis sich ein halbnackter, bebauchter Leto-Joker auf sehr unangenehme Art bemerkbar macht. Wäre ich jetzt Durden, hätte ich ihm auch die Fresse poliert. Harley und der Joker turteln hardcore umeinander herum. Sie gehen nicht in den Rollen auf. Ich bin genervt.

In der zweiten von zwei(!) Hallen befinden sich zweierlei Dinge. Einmal Artikel, die gekauft werden wollen. Von Kuscheltieren, über Actionfiguren, Tassen, Perücken, Kontaktlinsen, Shirts und weiteren nicht sonderliche originellen Accessoires ist alles erhältlich. Leider ist nichts dabei, das man auch nicht im Internet zu weit weniger teuren, nicht-Messe-Preisen bestellen könnte. Es gibt einen Stand mit Schwertimitationen, die teilweise originalgetreu einigen Waffen aus Comics nachempfunden sind. Wenn man sie näher betrachtet, sind sie allerdings den Preis nicht wert. Für 80 € kaufe ich mir keine Schwert, dessen Kunststoffgrat am Griff nicht sauber entfernt wurde. Allerdings bin ich auch kein Cosplayer. In diesem Bereich sehe ich mehrere aus dem Genre des tatsächlichen Comic. Sailor Moon, Naruto und Poison Ivy lassen grüßen. Es laufen auch ein paar halbe Pikachu herum. Und ziemlich viele Finns und Fionnas aus Adventure Time. Die Zeit der heimlich Freude über Jake und den Dancing Bug ist vorbei, bald wird H&M einen Aufdruck mit Finns Conterfeit heraus bringen. Verdammt.

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Das Zweite der Dinge, die in dieser Halle zu finden sind, ist ein Bund an großartigen Zeichentalenten. Manche davon haben schon einen Namen, manche werden sich definitiv einen machen. Ich bin berauscht, ob der grafischen Darstellungen und auch das erste Mal verstimmt, kein Geld mit genommen zu haben. Und plötzlich kann ich zwischen all der Selbstdarstellung und Hektik ein wenig abtauchen. Ich shoppe keine Inspiration wie sonst auf solchen Events, sondern bin wieder zwölf und entdecke ‚The Tenth‘ von Image Comics im Zeitschriftenladen um die Ecke. Oh was habe ich diese Comics geliebt. Besonders ‚Fathom‘ und ‚The Witchblade‘ von Michael Turner. Mit dem möchte ich ein Foto machen und von ihm möchte ich ein Autogramm. Er ist einer meiner Helden, er hat meine kindliche Kreativität beflügelt und befeuert. Wegen ihm begann ich mit dem Zeichnen.

Aber weit und breit ist kein Turner zu sehen, was mich sehr traurig stimmt. Jedoch habe ich jetzt eine Idee davon, wie aufgeregt manche Menschen sein müssen, die hier her kommen und ihren ganz persönlichen Star sehen können. Ich verstehe, warum sich die Menschen in die unbequemen Alienkostüme zwängen und Stunden vorm Spiegel stehen, um sich eigens kreierte Figuren auf den Körper zu malen. Sie verschwinden für diese Zeit in einer Welt voller Abenteuer und Wunder, voller Neugierde und Freude. Und plötzlich finde ich es nicht mehr ganz so schlimm, dass die Preise zu hoch sind, die Trennwände zu grau scheinen und es keine Raumpläne gibt. Denn ich durfte für ein paar Stunden in meine Kindheit flüchten. Und das fühlte sich ziemlich gut an.

Die nächste Comic Con findet vom 22. bis 23. April 2017 in der Frankfurter Messe statt. (Link zum Comic-Con-Ticket-Shop)

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Ein Gedanke zu „Com'(ic c)on – Der Comic Con Lagebericht 2016“

  1. Ist ja wie auf der Gamescom, nur dass da keine Schauspieler sitzen, sondern Let’sPlayer. Das Durchschnittsalter war aber nicht 12, oder?

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